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Montag, 4. Juli 2011

Braucht das BGE eine Bildungsoffensive?

Beim Piratenstammtisch am vergangenen Freitag kam die Sprache auf das BGE. Ein Pirat, der als Erzieher in einem Heim für Kinder und Jugendliche arbeitet, stand der Idee sehr skeptisch gegenüber. Er vermutete, seine Jugendlichen würden, wenn sie ein BGE bekämen, dieses ausschließlich für Drogen ausgeben und keinerlei Arbeitsmotivation zeigen. Er fügte auch hinzu, dass er, wenn er ein Grundeinkommen hätte, seinen Job an den Nagel hängen und sich ganz seinen Hobbys widmen würde.

Mit letzterem befindet er sich offensichtlich in der Minderheit: Zumindest Umfragen zufolge würden über 60% der Deutschen nach BGE-Einführung weiterarbeiten. Der erste Einwand stimmt jedoch nachdenklich. Der größte Skeptizismus gegenüber dem BGE ist oft bei Erziehern und Sozialarbeitern zu finden - kurz gesagt bei Menschen, die beruflich mit Jugendlichen aus dem Prekariat zu tun haben. Die Einwände laufen im wesentlichen darauf hinaus, dass diese Jugendlichen von alleine keinerlei Motivation zeigten, irgendetwas sinnvolles anzustellen, und die Einführung des BGE sie dazu verleiten würde, den Rest ihres Lebens zwischen Fernseher, Spielkonsole und einem mit Spirituosen gefüllten Kühlschrank zu verbringen.

Ich persönlich habe beruflich nichts mit "prekären" Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun und muss diese Aussage daher von denen, die mit ihnen zu tun haben, erstmal einfach so übernehmen. Manche werden einwenden, dass das momentane Sozialsystem zu großem Teil an der "Lebensdemotivation" der Unterschicht schuld sei, und ein BGE dagegen eher motivierend wirken würde. Wenn dies so wäre, würde sich das Problem von selbst lösen. Stellen wir uns aber mal auf den vorsichtigen Standpunkt, dass die diversen Sozialarbeiter, Familienhelfer, Erzieher, etc. recht haben und ein gewisser Teil der Bevölkerung das Grundeinkommen als Chance zum Nichtstun und massenhaftem Drogenkonsum wahrnehmen würde. Wie ließe sich dem entgegenwirken?

Bei der Diskussion am letzten Freitag warf unser Bundesvorstand ein, dass das BGE nur eine vergleichsweise "kleine" gesellschaftliche Maßnahme, die sich im Grunde als konsequente Fortsetzung des sozialdemokratischen Programms ergebe, und keinesfalls ein Allheilmittel sei. Zur Lösung vieler sozialer Probleme seien eigene Lösungsansätze notwendig. Wie "klein" oder "groß" die mit dem BGE verbundene Änderung wäre, ist diskutierbar - meiner Meinung nach eher groß - dass es kein Allheilmittel ist und viele der in unserer Gesellschaft existierenden Probleme eigene Lösungen erfordern, dem werden die meisten jedoch zustimmen.

Wie ich schon in einem früheren Artikel sagte, ist der Staat meiner Auffassung nach keine Erziehungsanstalt. Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, charakterformend zu wirken. Er sollte jedoch helfen, die Gesellschaft so zu strukturieren, dass die Menschen möglichst viel vom Leben haben. Leute, die ausschließlich das Bedürfnis haben, fernzusehen, Alkohol zu trinken und Videospiele zu spielen, haben fraglos ein ziemlich leeres Dasein. Hier sollte man also gesellschaftlich eingreifen.

Wie könnte das gehen? Durch Therapie? Die funktioniert nur, wenn der Patient sie selbst wünscht. Durch Familienhilfe? Die ist ím benötigten Umfang kaum durchführbar, und setzt ebenfalls einen schon vorhandenen Willen, sich helfen zu lassen, voraus. Der einzige Punkt, an dem man sinnvoll angreifen kann, dürfte daher das Bildungssystem sein.

Ich bin weit davon entfernt, Pädagogikexperte zu sein (genaugenommen beschränkt sich meine diesbezügliche Erfahrung auf Nachhilfestunden für Schüler). Aus dem Bauch heraus würde ich jedoch sagen, dass die Schulen neben (der natürlich auch nötigen) Wissensvermittlung vor allem die Neugierde der Schüler wecken sollten - Neugierde auf die ganze Welt.

Man findet überall etwas, was faszinierend ist.

Geradeeben habe ich zum Beispiel vor dem Eingang des Uni-Rechenzentrums einen vom Regen feuchten Rosenstrauch gesehen. So eine Pflanze wirft zahllose Fragen auf.

Warum bedeckt das Wasser die Blätter nicht gleichmäßig, sondern bildet runde Tropfen?

Warum gibt es gelbe, rote, weiße und rosafarbene Rosen, aber keine blauen?

Warum wird die rote Rose in der westeuropäischen Kultur als Symbol der Liebe angesehen?

Rosen haben Dornen zur Verteidigung. Wie verteidigen sich andere Pflanzen gegen Fressfeinde?

Wann und zu welchem Zweck wurde die Rose zum ersten Mal kultiviert?




Wenn man etwas näher hinsieht, begegnet man auf Schritt und Tritt interessanten Fragen. An jedem Stein und jedem Tier hängt ein ganzes Universum von Fragen. Manche davon wurden schon wissenschaftlich beantwortet - das Wasser bildet beispielsweise runde Tropfen wegen der Oberflächenspannung, die durch elektrische Anziehungskräfte zwischen den Wassermolekülen entsteht. Aber an jeder Antwort hängen neue Fragen: Wie entstehen elektrische Anziehungskräfte? Wo spielen sie überall in der Natur eine Rolle? Warum gibt es genau zwei elektrische Ladungen (positiv und negativ), während die Schwerkraft anscheinend nur eine kennt (die Masse)?

Man sollte Schüler mal dazu animieren, sich solche Fragen zu stellen, und auch nach Antworten zu suchen. Als ich vor Zeiten als Schüler eine Klassenfahrt nach Berlin machte, besuchten wir dort verschiedene Museen - u. a. das deutsche Technikmuseum, das Pergamonmuseum und ein Planetarium. Die meisten Schüler fanden dies sehr langweilig. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. An Technik, Kulturgeschichte und Astronomie ist nichts langweiliges!

Ich denke, die Schulen sollten neben reiner Wissensvermittlung auch "Neugierdevermittlung" betreiben. Menschen sollten mit offenen Augen durch die Welt laufen, und nicht halb schlafend. Auch müsste man die Schüler dazu animieren, wieder mehr zu lesen. Der eingangs erwähnte Kinderheimerzieher erzählte, dass so gut wie keiner der von ihm betreuten Jugendlichen je ein Buch in die Hand nähme. Anstatt bis zum Abwinken lineare und dialektische Erörterungen zu üben, könnte man im Deutschunterricht jedes Schuljahr mehrere Bücher lesen (und zwar wirklich die Bücher und nicht etwa die Zusammenfassung auf Wikipedia). Auch im digitalen Zeitalter bleibt das Buch der wichtigste Kultur- und Informationsträger. Optimal wäre es, wenn die Schüler das Lesen irgendwann nicht mehr als lästige, von der Schule aufgesetzte Pflicht ansähen, sondern anfingen, aus Neugierde und Interesse Bücher zu lesen.

Schlagen wir den Bogen zum BGE zurück. Viele werden mir vielleicht unterstellen, ein übertrieben positives Menschenbild zu haben. Ich bin mir aber sicher, dass wissbegierige, geistig wache Menschen sich mit oder ohne BGE nicht passiv vor den Fernseher setzen werden. Wenn man sich für die Welt interessiert, liebt man sie auch. Und wenn man sie liebt, will man an ihr teilhaben - praktisch oder akademisch, sozial oder künstlerisch (oder alles auf einmal). Und man kann nicht an der Welt teilhaben, indem man zuhause vor sich hin vegetiert und Bier trinkt.

Das BGE braucht eine Bildungsoffensive.


...oder hätte Galileo vielleicht aufgehört, den Himmel
zu beobachten, wenn er ein BGE gehabt hätte?

Freitag, 3. Juni 2011

Mit dem BGE Schritt um Schritt zur Trekonomy

Wozu benötigen wir Geld? Ich bin kein Ökonom, und möchte versuchen, diese Frage "aus dem Bauch heraus" zu beantworten. Es dient in unserer Gesellschaft im wesentlichen als Bindemittel zwischen Arbeit und Waren bzw. Dienstleistungen. Das Recht zu Konsumieren - ja überhaupt erst das Recht auf eine halbwegs materiell erträgliche Existenz - ist an persönliche Erwerbsarbeitsleistung geknüpft: Für bezahlte Tätigkeiten erhält man ein gewisses Gehalt, dass man - quasi als eine Art Gutschein - bei einem Anbieter gegen Waren und Dienstleistungen eintauschen kann. Diese werden durch die Arbeistleistungen anderer Menschen hervorgebracht, man könnte also präziser sagen: durch eigene Arbeit erhält man das Recht, Arbeitsleistungen anderer in Anspruch zu nehmen.

Diesem Prinzip liegt natürlich ein gewisses Misstrauen zugrunde. Man darf erst dann die Leistungen anderer nutzen, wenn man selbst welche erbracht hat - denn man könnte ja auf den Gedanken kommen, sie in Anspruch zu nehmen, ohne selbst etwas zu tun! Wenn dies die Mehrheit täte, würde die Gesellschaft zusammenbrechen! Diese Befürchtungen sollen durch ein Lohn- und Bezahlungssystem aufgefangen werden: Mit eigener Arbeit erwirbt man "Gutscheine", die es einem ermöglichen, von der Arbeit anderer zu profitieren.

Schon öfters ist der Verdacht aufgetaucht, dass dieses Misstrauen gegenüber der Mehrheit der Menschen unbegründet oder zumindest überzogen sei. In den 1960ern und 70ern experimentierten die Hippies in ihren Kommunen gerne mit nichtmonetären Modellen. Sie sollten sich, wie die frühmittelalterlichen Gesellschaften in Europa oder manche Naturvölker, auf Tauschhandel gründen - und damit zumindest den Zwischenschritt "Zahlungsmittel" zwischen der Arbeit des einen und des anderen ausschalten - oder sogar auf freiwilligen Geschenken beruhen.

Man kann diese Experimente natürlich als naiv belächeln, und den Hippies vorwerfen, ihre Kommunen hätten sowieso nur funktioniert, weil sie eine hochentwickelte, industrielle Gesellschaft außen um sich herum hatten, die alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens bereit stellte. Psychedelisch bemalte VW-Busse mussten in kapitalistisch organisierten Fabriken hergestellt werden, genauso wie das Glas, aus dem die Bong bestand oder die T-Shirts, die mit Batikfarbe veredelt wurden. Die meisten Menschen würden heutzutage argumentieren, dass eine organisierte Gesellschaft mit hohem Lebensstandard nur mithilfe eines Bezahlungssystems möglich ist, und darauf verweisen, dass wahrscheinlich seit der Frühantike die breite Mehrheit der komplexeren Gemeinwesen irgendeine Form von Geld verwendet hat.

Drehen wir das Problem aber einmal um - unter welchen Bedingungen wäre Geld unnötig? Genau dann, wenn das oben genannte Misstrauen keine Basis hätte: wenn man sich darauf verlassen könnte, dass jeder freiwillig ausreichend arbeitet, um die Gesellschaft "in Schwung" zu halten.

Bezüglich mancher Tätigkeiten kann man sich diesbezüglich pessimistisch fühlen: Niemand arbeitet freiwillig untertage in eine Kohlemine, auf einer Müllkippe, in einem Abwasserkanalsystem oder als Reinigungskraft auf einer Bahnhofstoilette. Dank der Erfindung des Computers sind wir jedoch in immer höherem Maße in der Lage, solche Tätigkeiten geeigneten Maschinen und Robotern zu übertragen. Heutzutage arbeiten bereits ganze Fertigungsstraßen in Fabriken unbemannt. In Frankreich existieren schon seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts öffentliche Toiletten, die über einen vollautomatischen Reinigungsmechanismus verfügen. In Italien wurden Müllentsorgungsautomaten getestet. Der bekannte Roboter Roomba putzt eigentätig eine ganze Wohnung und es wurde schon erfolgreich mit computergesteuerten U-Bahn-Zügen experimentiert. Auch unbemannte Flugzeuge - sogenannte Drohnen - sind längst Realität, wenn auch bislang leider fast ausschließlich im militärischen Bereich.



In dieser Fabrikhalle von BMW sucht man menschliche
Arbeiter vergebens.


Die Behauptung, Roboter würden mehr Arbeitsplätze schaffen als ersetzen, hat sich als falsch herausgestellt. Immer mehr Aufgaben können ohne menschliches Eingreifen erledigt werden, mit rasch steigender Tendenz. Diese Aussicht ist für viele sehr negativ belegt - sie assoziiert Massenarbeitslosigkeit. Wer diese fürchtet, vergisst jedoch, dass Arbeitslosigkeit nur solange eine Bedrohung ist, wie sie mit Mangel und sozialer Stigmatisierung verbunden ist. Das "Problem Arbeitslosigkeit" würde durch ein bedingungsloses Grundeinkommen in einen Glücksfall umgewandelt. Wenn man von der Wiege bis zur Bahre ohne Wenn und Aber immer genug Geld zur Verfügung hat um zu leben und in gewissem Maß am sozialen Leben teilnehmen zu können, dann ist der Verlust eines unangenehmen, stumpfsinnigen Arbeitsplatzes gradezu das beste, was einem passieren kann.

Man kann aber, wenn man möchte, noch einen Schritt weiter denken. Was, wenn der Automatisierungsgrad so weit gestiegen, und das Energieversorgungsproblem durch neue Techniken - sei es verbesserte Kernspaltung, Kernfusion oder Solarenergie - neutralisiert ist, dass nahezu alle Tätigkeiten, die mechanisch, unkreativ oder einfach unangenehm sind und daher von Menschen nicht freiwillig erledigt werden, durch Roboter vollbracht werden können? Das oben genannte Misstrauensproblem wäre dann irrelevant - von diesem Augenblick an wäre Geld überflüssig!

Science-Fiction-Fans nennen eine solche nichtmonetäre Gesellschaft zuweilen "Trekonomy" - eingedenk der bekannten "Star Trek"-Fernsehserien und -Filme, in denen das interstellare Staatswesen "United Federation of Planets" kein Geld verwendet, und in dem Arbeit freiwillig ist. In der "Next Generation"-Episode "The Neutral Zone" erklärt Captain Picard einem Mann aus dem 20. Jahrhundert:

"A lot has changed in three hundred years. People are no longer obsessed with the accumulation of 'things'. We have eliminated hunger, want, the need for possessions."

Und in dem Kinofilm "First Contact":

"The economics of the future is somewhat different. You see, money doesn't exist in the 24th century... The acquisition of wealth is no longer the driving force in our lives. We work to better ourselves and the rest of humanity."


Captain Picards Crew arbeitet auf der Enterprise,
ohne je einen Gehaltsscheck zu sehen.


Kaum jemand würde bestreiten, dass eine solche Gesellschaft ein erstrebenswertes Ziel darstellt. Im "Star Trek"-Universum musste es jedoch erst einen "großen Knall" - den dritten Weltkrieg - geben. Man sollte sich fragen, ob es nicht einen sanfteren, humaneren Weg dorthin gibt - einen, der weder auf gewalttätiger Umstrukturierung der Gesellschaft (wie sie die klassischen Marxisten anstreben) beruht, noch massenhafte Verelendung (die weit verbreiteten Befürchtungen zufolge durch Steigerung des Automatisierungsgrades ausgelöst wird) in Kauf nimmt. Die plausibelste Lösung scheint mir das bedingungslose Grundeinkommen zu sein: Wenn für alle bedingungslos gesorgt ist, kann man guten Gewissens Roboter und Künstliche Intelligenz entwickeln, da man nicht fürchten muss, dass diese Technologien jemanden seiner Existenzgrundlage berauben könnten. Sind die Maschinen dann irgendwann - sei es in 20, 50, 100 oder 200 Jahren - so ausgereift, dass sie jeden Beruf ersetzen können, den Menschen nicht freiwillig ausüben möchten, dann wird das Konzept Geld zum Auslaufmodell: Der Slogan der Kommunisten "alles für alle und zwar umsonst" ließe sich realisieren - jedoch ohne Revolution, Diktatur, Planwirtschaft, Zwang und Überwachung!

Die Menschheit wäre von der Geißel Arbeit - genauer: von der Geißel "unangenehme Arbeit" - endgültig befreit. Sie hätte endlich ausreichend Zeit und Muße, um ihr eigentliches kreatives Potential zu entfalten.

Dienstag, 17. Mai 2011

BGE - die Crux mit der Preisexplosion

Wenn man sich mit Menschen über das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) unterhält, tauchen bald viele Fragen auf. Die verbreitetsten sind vermutlich: Würde dann überhaupt noch jemand arbeiten? Ist es moralisch vertretbar, Geld ohne Gegenleistung zu verteilen? Wie soll das finanziert werden? Diese Fragen wurden bereits von verschiedenen BGE-Befürwortern recht ausführlich beantwortet.

Eine seltenere - aber immer wieder auftauchende - Frage lautet: Was passiert mit den Preisen? Hierauf sind die verschiedenen BGE-Initiativen bisher nur sehr sporadisch eingegangen.

Etwas ausführlicher formuliert lautet der Einwand: Wenn ein BGE von z. Bsp. 1000 Euro an alle Bundesbürger ausgezahlt wird, werden die Anbieter von Waren und Dienstleistungen die Preise entsprechend anheben. Bisher war der ALG-II-Satz die Mindestsumme, die jedem Konsumenten zur Verfügung stand (zumindest theoretisch...). Wird durch BGE-Einführung jedem eine höhere Kaufkraft gegeben, werden die Preise automatisch anziehen, und zwar solange, bis das ausgezahlte BGE wieder nur soviel wert ist wie das bisherige ALG-II. Dann müsste das BGE erhöht werden, die Preise ziehen wieder an, es muss weiter erhöht werden, usw... - auf diese Weise würde in kurzer Zeit eine Hyperinflation gezündet.

Wir sollten uns also die Frage stellen, wie sich dieses Problem beheben ließe.

Eine einfache Lösung könnte von den Anbietern selbst kommen. Wenn alle die Preise anheben, wird ein einzelner Händler, der dabei nicht mitmacht und seine Waren zum bisherigen Preis anbietet, einen enormen Umsatz machen, da alle nur noch bei ihm kaufen werden. Dadurch werden die anderen Anbieter gezwungen, ihre Preise zu senken, und zwar noch unter das Niveau desjenigen, der bei der Erhöhung nicht mitgemacht hat: Es folgt ein Preiswettlauf nach unten, der solange weiterläuft, bis die Gewinnsteigerung durch Verbilligung des Angebots durch die Verringerung der Einnahmen pro verkauftem Produkt kompensiert wird.

Dies kann funktionieren - muss aber nicht: Zum einen könnten die Anbieter einer ganzen Region im Hinterzimmer Preisabsprachen treiben, was zwar prinzipiell illegal, aber in der Praxis möglicherweise schwer nachzuweisen wäre. Zum anderen existieren bestimmte Güter, nach denen die Nachfrage so groß ist, dass jeder Anbieter sein Produkt los wird egal wie teuer oder billig das Produkt der Konkurrenz ist. Ein naheliegendes Beispiel ist die Wohnungssituation in Jena: Auf Grund der hohen Studentenzahlen herrscht in der Stadt chronischer Wohnungsmangel. Hier könnten die Vermieter die Mieten fast beliebig hoch schrauben, sie würden dennoch für jeden Dachboden und jede Hundehütte einen Mieter finden. Auch wenn ein bestimmter Vermieter sehr billigen Wohnraum anbieten würde (z. Bsp. das Studentenwerk) - die Konkurrenten könnten ihre Mieten so hoch lassen wie sie sind, es fänden sich dennoch problemlos Kunden. In diesem Fall funktioniert der oben genannte Mechanismus nicht.

Eine andere, "härtere" Methode zur Bekämpfung der Preisexplosion wären gesetzlich vorgeschriebene Maximalpreise. Sobald die Rechtslibertären reanimiert worden sind, können wir mit dem Artikel fortfahren... Ohne Sarkasmus: Sehr viele, nicht nur die Rechtslibertären, würden solche Preisvorschriften als kommunistische Diktatur empfinden. Man muss sich jedoch fragen, was denn nun "diktatorischer" ist: Wenn Firmen sich inoffiziell miteinander bezüglich der Verkaufspreise absprechen, oder wenn eine demokratisch gewählte Regierung bestimmt, zu welchem Preis ein gegebenes Produkt maximal verkauft werden darf. In manchen Bereichen existieren derartige Vorschriften ohnehin bereits (Wikipedia: Mietwucher).

Ich denke, jeder von uns kann damit leben, dass der Staat bestimmte Kontrollen ausübt und Vorschriften verhängt. Ich darf nicht um drei Uhr nachts auf der Straße Sousaphon spielen, ich bin verpflichtet, jemandem zu helfen, der einen Unfall hat, ich darf keinen Giftmüll in einem Naturschutzgebiet vergraben. Solche Gesetze sind moralisch unmittelbar einsehbar und für jeden als sinnvoll erkennbar. Wären nun gesetzlich geregelte Maximalpreise vom Standpunkt der Ethik her nicht letztlich genauso sinnvoll? Sie würden existieren, um zu verhindern, das Preissteigerungen zur Geldentwertung führen, und würden so einen Beitrag zur Sicherung des Wohlstands aller leisten.

Bei der Umsetzung eines solchen Gesetzes würden jedoch vermutlich gewaltige Komplikationen auftreten. Zuallererst müsste mit immensem Aufwand ein "Preiskatalog" erstellt werden, in dem für jedes einzelne Produkt (oder zumindest für jede Produktgruppe) ein Maximalpreis definiert wird. Dieser Katalog müsste zusätzlich noch alle paar Jahre überarbeitet und der momentanen Wirtschaftslage angepaßt werden. Anschließend müssten in regelmäßigen Abständen sämtliche Firmen und Anbieter überprüft werden, wodurch eine gigantische Bürokratie (und vermutlich einiges an Korruption) entstünde. Und staatliche Überwachungsbeamte, die auf Kontrollexpeditionen gehen, rufen wohl nicht nur bei mir unangenehme Assoziationen wach.

Gegen letzteres läßt sich natürlich einwenden, dass der Staat nicht notwendigerweise selbst zu prüfen braucht: Es würde ja genügen, dass die Verbraucher einen Anbieter bei einer dafür zuständigen staatlichen Stelle melden, wenn dieser seine Waren zu teuer verkauft. Das Problem eines enormen bürokratischen Aufwands verschwindet dadurch jedoch nicht. Möglicherweise würde sogar die Vereinfachung des Sozialwesens, die das BGE verspricht, dadurch zunichte gemacht: Die aufgeschwemmte "Bloatocracy", zu der der Sozialstaat sich entwickelt hat, verschwände zwar nach BGE-Einführung, dafür entstünde ein neuer Bürokratiekoloss, der sich nun allerdings mit Preisbegrenzung beschäftigt.

Wie ließe sich das Problem also lösen?

Kommen wir nochmal auf den ersten Ansatz zurück: Freiwillige Preisbegrenzung durch die Anbieter. Eine Motivation hierfür habe ich schon genannt: Umsatzsteigerung, indem Kunden durch billige Angebote geworben werden. Es könnte jedoch noch eine andere geben: Soziales Engagement der Unternehmer selbst. Viele Anbieter würden bei BGE-Einführung die Preise aus Überzeugung nicht übermäßig anheben. Der Drogeriekonzern DM würde das Konzept mit Sicherheit unterstützen, da der Firmengründer Götz Werner begeistert hinter dem BGE steht und es überhaupt erst in Deutschland auf breiter Front bekannt gemacht hat, und ihm daher nicht durch Preissteigerung das Wasser abgraben wollen. Gleiches gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit für zahlreiche andere Unternehmen, die sich für sozial fortschrittliche Ideen stark machen.

Man sollte also versuchen, möglichst viele Firmen und Unternehmer für die BGE-Idee zu interessieren! Im Laufe der letzten Jahre hat sich das Konzept von einem exotischen gesellschaftlichen Gegenentwurf zu einem weitbekannten sozialpolitischen Ansatz entwickelt. Wenn erst ein großer Anteil der Unternehmer hinter der Idee steht, verliert das Risiko der Preisexplosion an Bedeutung: Die Anbieter werden die Preise allein deshalb nicht erhöhen, weil sie ein Sozialsystem unbeschädigt lassen wollen, das sie selbst unterstützen und geholfen haben aufzubauen und das nicht zuletzt auch Vorteile für sie mit sich bringt.

Zusätzlich käme natürlich nach wie vor der Wettbewerbsvorteil durch niedrigere Preise hinzu.

Erfahrungsgemäß ist es übrigens wesentlich einfacher, Millionäre oder Milliardäre für das BGE zu begeistern als z. Bsp. mittlere Angestellte. Steve Jobs und Richard Branson würden sich möglicherweise sofort engagiert hinter das Konzept stellen, wenn man sie dazu brächte, sich damit zu beschäftigen. Unternehmer als Unterstützer zu gewinnen könnte ein geringeres Problem sein, als man auf Anhieb denken würde.

Fazit: Eine breite Unterstützung des BGEs durch die Unternehmen selbst wäre vermutlich die beste Absicherung dagegen, dass es durch die Unternehmen zerstört wird!

Ich würde mich übrigens über ein paar Kommentare zum Text von Leuten freuen, die mehr von Wirtschaft verstehen als ich.