Samstag, 23. April 2011

Warum Hedonismus etwas Gutes ist

"Ich fordere das Recht auf Unglück!"

Diesen Satz schleudert in Aldous Huxleys Roman "Brave New World" der Außenseiter John dem "World Controller" entgegen, einem Repräsentanten eines weltweiten Unterdrückungssystems, das darauf abzielt, die Menschen durch Abspeisung mit billigen Vergnügungen und Unterhaltung gefügig zu machen.

Das ist, was nach wie vor die meisten Menschen unter Hedonismus verstehen: Nervenkitzel, Zerstreuung, Verantwortungslosigkeit. Wer darauf aus ist, sich zu vergnügen, es sich gut gehen zu lassen, gilt automatisch als suspekt. Die Verrichtung unangenehmer und quälender Tätigkeiten wird dagegen als lobenswert angesehen. Genuß=schlecht, Qual=gut - etwas überspitzt lässt sich eine weit verbreitete moralische Vorstellung so formulieren.

In den vergangenen Tagen fielen die christlichen Kirchen dadurch auf, dass sie verstärkt auf das Karfreitags-Tanzverbot pochten: Da der Karfreitag ein Trauertag sei, dürften an diesem Tag keine öffentlichen Tanzveranstaltungen stattfinden! Diskotheken wurden aufgefordert, geschlossen zu bleiben, oder aber Schilder aufzustellen, auf denen die Gäste gebeten wurden, sich zur Musik nicht zu bewegen. Dies löste Proteste aus. In Frankfurt trafen sich über 1000 Menschen zu einem Smartmob vor dem Rathaus, wo sie Musik von ihren MP3-Playern hörten und dazu tanzten, um aufzuzeigen, dass eine archaische Religion ihnen nicht vorzuschreiben habe, wie sie ihre Freizeit gestalteten.

Doch auch ohne das Tanzverbot strahlen alle monotheistischen Religionen eine nahezu masochistische Lustfeindlichkeit aus. Ein verheirateter Mann, der einer fremden Frau auch nur einen kurzen interessierten Blick zuwerfe, möge sich die Augen ausreißen, so Jesus. Niemand darf, den zehn Geboten zufolge, das Eigentum eines anderen begehren - auch dann nicht, wenn er kurz vor dem Verhungern steht und jemand mit einem Korb voller Essen vorbeigeht. Das Diesseits wird als gottgegebenermaßen als qualvoll, traurig, entbehrungsreich angesehen - erst nach dem Tod, im Paradies, lockt ewige Freude; notabene nur für die, die erlöst werden, alle anderen werden auf ewig in der Hölle von den Teufeln gequält. Durch Leid während des physischen Lebens muß man sich dem Christentum zufolge das Paradies erst verdienen, wer sein Leben lang gelitten hat erwirbt so "Bonuspunkte" für ein schönes Leben im Jenseits.

Ich bin kein Religionshistoriker, und kann daher nur Vermutungen darüber aufstellen, wie der Monotheismus zu diesen Anschauungen kam. Vielleicht lag es einfach daran, dass diese Mythologien in sehr ariden, wüstenartigen Regionen entstanden, wo das Leben aufgrund der Umweltbedingungen hart, anstrengend und meist kurz war. Um das tägliche Leben sich erträglicher zu machen, erfanden die Menschen eine Religion, die Leid und Knappheit einen Sinn gab, sie als Vorbereitungs- und Prüfungsphase für ein erfülltes, sorgloses Leben im Paradies auswies. Andererseits ist eine solche Mythologie natürlich ein exzellentes Machtinstrument: Ein Herrscher, der die Bevölkerung unterdrückt und ausbeutet, kann sich religiös rechtfertigen und sagen: "Ihr Bauern müsst im Diesseits arbeiten, hungern und Krankheiten erleiden - dies ist aber gottgefällig, wenn ihr alles klaglos ertragt, werdet ihr im Jenseits himmlisch belohnt." Dies hielt Fürsten, Könige und Äbte natürlich nicht davon ab, selbst von den eingezogenen Steuern in Saus und Braus zu leben. Dass den Bauern diese Doppelmoral unangenehm auffiel zeigen die zahlreichen Bauernaufstände und -kriege im Mittelalter. "Als Adam grub und Eva spann - wo war denn da der Edelmann?" hieß es in einem verbreiteten Kampflied.

Diese Grundhaltung - den Status Quo als gottgegeben anzusehen und jeden Versuch, die Lebensbedingungen zu verbessern als menschliche Hybris und sündhafte Auflehnung wahrzunehmen - stürzte die europäische Zivilisation in eine fast 1000 Jahre währende kulturelle Stagnation. Nicht nur die Verbesserung der physischen Lebensbedingungen, auch die Suche nach geistigen Genüssen war der Kirche suspekt. Es dauerte bis zur Renaissance, bis Europa wieder Wissenschaftler, Künstler und Philosophen hervorbrachte, die den antiken Vorläufern das Wasser reichen konnten.

Wie man an den absurden Tanzverbotsforderungen sieht, hält der lange, lebensfeindliche Atem des Monotheismus jedoch bis heute an. Ich persönlich glaube, ich bin "im falschen Film", wenn ich lese, dass Menschen anderen das Feiern verbieten wollen, weil an einem bestimmten Tag angeblich eine Figur aus der Mythologie gestorben ist.

Sagen wir es klipp und klar. Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Die Forderungen nach Selbstkasteiung, nach klaglos ertragenem Leid, nach freiwilliger Unterwerfung unter ein ungerechtes System sind geistige Fossilien, die auf Vorstellungen bronzezeitlicher Nomadenvölker zurückgehen. Es wird an der Zeit, dass wir all dies hinter uns lassen, und ernsthaft darüber nachdenken, wie sich das Leben besser, erfüllter, angenehmer für alle Menschen gestalten ließe. Dies schließt sowohl geistige wie auch körperliche Genüsse mit ein. Im Gegensatz zu dem antiken Philosophen Epikur, der ein rein geistiges, introspektives Leben als am erstrebenswertesten ansah, gehören aus meiner Sicht nicht nur Kunst, Forschung und Philosophie zu einem erfüllten Leben, sondern auch angenehme ästhetische und emotionale Erfahrungen: Liebe, Sex, gutes Essen, Musik und soziale Kontalte sind ebenso unverzichtbar. Ich halte es mit dem Transhumanisten Ben Goertzel: "Maximize happiness but also maximize growth." Mit "Growth" ist hier nicht nur materielles, sondern auch geistiges Wachstum gemeint: Zuwachs an Wissen und Information. Auf diese Weise läßt sich vermeiden, dass die Menschheit, wie in "Brave New World", in eine Art lustvolle Starre verfällt. Wenn körperlicher, geistiger und emotionaler Lustgewinn gleichermaßen angestrebt werden, tritt kein Stillstand ein, sondern die Menschheit entwickelt sich immer weiter: Immer neue Rätsel müssen gelöst werden, die das Universum uns aufgibt, immer neue künstlerische und philosophische Herausforderungen stellen sich, immer neue Horizonte können überschritten werden.

Wir sollten daran arbeiten, dass alle Menschen auf der Welt daran teilhaben können.

Die amerikanischen Gründerväter lagen nicht falsch, als sie in ihre Declaration of Independence die Forderung nach dem Recht auf "Life, Liberty and the Pursuit of Happiness" aufnahmen.

Heutzutage herrscht bei vielen Menschen eine große Zukunftsangst. Technische Neuerungen werden nicht unter dem Gesichtspunkt "wie könnte uns das nützen", sondern unter "welchen Schaden könnte uns das zufügen" betrachtet. Angesichts der Kriege im 20. Jahrhundert und der drohenden Zerstörung der Umwelt ist dies psychologisch verständlich. Gelänge es aber, den Menschen den Hedonismus als eine positive, fortschrittliche Kraft nahezubringen und die Steigerung von Glück und Lust allgemein zu einem erstrebenswerten Ziel zu erklären, dann würde technologischen Innovationen ihr Schrecken genommen werden: Wer sein eigenes Wohlbefinden und das seiner Freunde und Mitmenschen anstrebt, der wird kein Waffensystem konstruieren, sondern einen Apparat, der das Leben verbessert. Ein Programmierer, der sich darauf freut, nach der Arbeit mit seiner Freundin ein Picknick im Wald zu machen, wird ein neu entwickeltes KI-System nicht in eine Kampfdrohne einbauen, sondern in einen Roboter, der Abfälle aus dem Wald entfernt. Ein Nukleartechniker, der sein Leben genießt, wird dieses nicht gefährden wollen, indem er Bomben baut. Stattdessen wird er beispielsweise die Entwicklung eines nuklearen Raumschiffantriebs anstreben, der Astrophysikern dabei hilft, mehr über das wunderbare Universum, in dem wir leben, herauszufinden.

(Mehr über nukleare Raketenantriebe und ihre Chancen und Risiken später!)

Daher ist der Hedonismus nicht nur ein angenehmer Zusatz zu unserem Leben, sondern wir sind geradezu auf ihn angewiesen! Der "hedonistische Imperativ" könnte für die Menschheit zu einem wichtigen Konzept werden.

Wir sollten uns John entgegenstellen und den Machthabern ins Gesicht rufen: "Wir fordern das Recht auf Glück!"

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