Montag, 8. August 2011

Internet-Anonymität und vollständige morphologische Freiheit

"Mein Körper ist so unsozial.
Ich rede, er bleibt stumm.
Ich leb ein Leben lang für ihn.
Er bringt mich langsam um."

schrieb Robert Gernhardt in seinem Gedicht "Siebenmal mein Körper". Man kommt nicht umhin, ihm zuzustimmen - wir sind unseren Körpern schutzlos ausgeliefert: Wird der Körper krank, leiden auch alle geistigen Aktivitäten. Stirbt der Körper, verschwindet das Bewußtsein. Zwar haben die Menschen seit Anbeginn der Geschichte immer wieder Mythen und Sagen über die unsterbliche Seele und das Leben im Jenseits ersonnen, das materialistisch-physikalistische Weltbild jedoch, dem ich selbst zustimme, da es im Sinne von Ockhams Rasiermesser die wenigsten Zusatzannahmen erfordert, verweist diese Vorstellungen ins Reich des Wunschdenkens.

Mancher ist mit seinem Körper unzufrieden. Man möchte größer, kleiner, schlanker, stärker etc. sein - mit sportlichem Training lassen sich diese Wünsche in gewissen Grenzen realisieren. Eine vollständige Abänderung des Erscheinungsbildes ist so jedoch nicht möglich. Allerdings erlaubt die moderne Chirurgie auch grundlegendere Abwandlungen des Körpers: Geschlechtsumwandlungen sind durchaus bereits möglich, obwohl der Mensch an für sich zu den Lebewesen gehört, die von Geburt an auf ein bestimmtes Geschlecht festgelegt sind. Hier hat die Technologie die Grenzen der Biologie gesprengt.

Man kann darüber spekulieren, welche Entwicklungen in der Zukunft auf diesem Gebiet erfolgen werden.

Könnte es sein, dass wir irgendwann unser vollständiges Aussehen völlig frei wählen können, so wie man heute seine Kleidung wählt? Dieses Konzept nennt man "vollständige morphologische Freiheit".

Überlegen wir uns mal, was dazu nötig wäre. Prinzipiell kann man das Erbgut in den einzelnen Körperzellen verändern - das könnten symbiotische Nanoroboter erledigen. Jedoch würde das nicht genügen: Die Zellen geben ja das veränderte Erbgut immer nur an Tochterzellen weiter und bei einem erwachsenen Menschen teilen sie sich nur langsam. Der Körper müsste also gleichzeitig makroskopisch umgebaut, Haut-, Fett-, Muskel-, Knochen- und Nervengewebe neu geformt und angeordnet werden. Auch dies könnten Nanomaschinen leisten. Möglicherweise könnten sie drahtlos von einem externen Rechner gesteuert und programmiert werden. Dieser müsste die gesamte Ausgangsgenstruktur des Menschen gespeichert haben (sowohl Zellkern-DNS wie mitochondriales Erbgut). Mit einem Editor könnte man das gewünschte neue Aussehen festlegen. Der Computer berechnet, wie die neue Erbsequenz beschaffen sein muß und schickt die nötigen Befehle an die Nanomaschinen, die daraufhin sowohl die molekulare Erbsubstanz entsprechend modifizieren, wie auch das makroskopische Erscheinungsbild des Körpers anpassen.



Nanoroboter bearbeiten einen DNA-Strang


Eine andere Möglichkeit könnte sein, einen vollständig neuen Körper mittels eines Organdruckers herzustellen. Dieser arbeit im Prinzip genau wie ein 3D Printer, nur dass er Körperzellen statt Kunststoff druckt. Allerdings bleibt dann die Frage, wie sich das Bewußtsein übertragen lässt. Entweder gelingt es, das Gehirn einfach zu verpflanzen, so wie man heute schon ein Herz transplantieren kann. Dies könnte jedoch zu Abstoßungsreaktionen führen, da die Hirnzellen ja noch die alte, unmodifizierte DNA enthalten. Gegenbenenfalls müsste diese dann wiederum mikroskopisch von Nanorobotern umgeschrieben werden. Oder, was noch abenteuerlicher erscheint: Möglicherweise wird es eines Tages möglich, das Prinzip der Quanten-Teleportation, bei der der quantenmechanische Zustand eines Teilchens vollständig auf ein anderes übertragen wird, auch auf makroskopische Objekte anzuwenden, so dass sich das gesamte Gehirn einscannen und Elementarteilchen für Elementarteilchen in den neuen Körper kopieren lässt. Ein entsprechender Algorithmus könnte die Erbinformation "unterwegs" anpassen.


Filmszene aus The Fifth Element (Luc Besson, 1997).
Hier sieht man einen Organdrucker bei der Arbeit.


Ob das Bewußtsein bei einer solchen Quantenkopier-Operation mitübertragen wird, oder ob derjenige subjektiv "stirbt" und lediglich eine identische Kopie seiner Persönlichkeit erschaffen werden würde, ist eine ebenso interessante, wie unheimliche, wie auch momentan noch nicht beantwortbare Frage.

Heutzutage kommt uns diese Zukunftsspekulation natürlich wahnsinnig fremdartig vor. Falls sich solche Technologien wirklich realisieren lassen, würde eine - aus unserer Sicht - außerordentlich merkwürdige Gesellschaft entstehen. Niemand wäre mehr an ein bestimmtes Aussehen gebunden. Größe, Gesichtsstruktur, Körperbau, Geschlecht - alles würde variabel werden und abhängig vom Geschmack des Einzelnen. Vielleicht würden dann alle Menschen so attraktiv wie Hollywood-Schauspieler aussehen. Oder es gäbe Modeerscheinungen: Im Sommer 2200 sind lange Nasen und dunkle Haut "in" - im Winter 2201 dagegen kurze Stupsnasen, hellrosa Haut und lange Unterarme. Im Frühling 2205 ist dunkelblau schimmernde Haut der letzte Schrei - realisiert durch Einbau von Schmetterlingsgenen ins menschliche Erbgut.

Wenn jeder in der Lage ist, sein Aussehen nach eigenem Gutdünken weitgehend abzuändern, gibt es kaum noch eine Möglichkeit, Menschen zu identifizieren. Ein totalitärer Staat könnte versuchen, die Gehirnstrukturen seiner Bürger zu speichern und anhand dessen im Überblick zu behalten, wer wer ist - in einer offenen, demokratischen Gesellschaft wäre soetwas jedoch nicht akzeptabel. Hier müsste man versuchen, sich irgendwie darauf einzustellen, dass Individuen prinzipiell nicht mehr eindeutig erkennbar sind. Das würde selbstverständlich viele soziale Probleme mit sich bringen: Die Verfolgung von Verbrechen würde zum Beispiel extrem erschwert. Ein Verbrecher bräuchte ja nur nach der Tat sein Äußeres zu modifizieren - schon würde ihn niemand mehr erkennen. Kriminalisten wären darauf angewiesen, den Täter ausschließlich anhand der Aussagen der Verdächtigen zu überführen.

Einen Weg, sich selbst freiwillig auszuweisen und zweifelsfrei als eine bestimmte Person zu identifizieren, gäbe es natürlich: Ein geheimes Codewort oder die Antwort auf eine Frage, die nur eine bestimmte Person kennen kann, wäre eine Möglichkeit - zum Beispiel: "Was war dein Lieblingsspielzeug als Kind?" oder "Wie hieß das Haustier, das du früher mal hattest?" Vielleicht würde der Austausch solcher Fragen und der Antworten zu einem Begrüßungsritual werden, mit dem die Menschen feststellen, dass jemand bestimmtes vor ihnen steht.

All dies scheint bislang nichts als Spekulation und Science Fiction zu sein - allerdings existiert heutzutage bereits ein ganz ähnliches Phänomen, nur nicht in der realen, physikalischen Welt sondern digital: In letzter Zeit werden Forderungen von Politikern und Unternehmen laut, Internet-Benutzer zum Gebrauch ihres realen Namens zu verpflichten. Der Gebrauch von Pseudonymen im Internet ermöglicht es jedem, sich zu tarnen und eine fiktive Identität zu erschaffen. Dies erfüllt einige Entscheidungsträger mit der Sorge, dass zum Beispiel Blogger sich hinter ihren Pseudonymen verstecken und Inhalte veröffentlichen können, ohne selbst dafür einstehen zu müssen. Als Reaktion auf die terroristischen Anschläge in Oslo von Anders Behring Breivik fordert Innenminister Friedrich (CSU) nun, Internet-Benutzer zur Verwendung ihrer realen Namen zu verpflichten.

Zum einen läuft diese Forderung natürlich völlig ins Leere. Breivik hätte sein verzerrtes Weltbild auch dann anhand von Blog- und Forenbeiträgen aufbauen können, wenn die entsprechenden Beiträge unter Realnamen veröffentlicht worden wären. Die Anschläge wären durch ein derartiges Gesetz keinesfalls verhindert worden. Zum anderen würde dadurch schlicht und ergreifend die Freiheit der Kunst eingeschränkt: Schon lange vor der Erfindung des Internet haben Autoren oft und gerne auf Pseudonyme zurückgegriffen, entweder um nicht in Schwierigkeiten zu kommen, wenn ihre Texte politisch oder sozial als anstößig empfunden werden konnten, oder aber um einfach einen fiktiven Autor zur fiktiven Geschichte zu erschaffen. Beispiele sind Erich Kästner ("Berthold Bürger"), Stephen King ("Richard Bachman") oder Daniel Handler ("Lemony Snicket").

Die Freiheit von "herkömmlichen", auf Papier schreibenden, Autoren, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, sollte auf jeden Fall auch für digitale Autoren gelten. Die Realnamen-Forderung von Herrn Friedrich zeigt wieder mal, dass das Internet von vielen Politikern noch immer nicht als "ernstzunehmendes" Publikationsmedium angesehen wird, sondern eher als neumodisches Spielzeug, das bestenfalls unnütz und schlimmstenfalls schädlich und gefährlich ist. Zumindest in dieser Hinsicht scheint Geschichte sich zu wiederholen: Platon sah die Schrift als "unnütz und gefährlich" an, die katholische Kirche später den Buchdruck, konservative Sittenwächter im 20. Jahrhundert das Radio, das Fernsehen und seit neuestem die digitalen Medien. Man sollte hoffen, dass wenn das Internet in näherer Zukunft noch stärker in das Leben der Menschen integriert wird, es auch von der Politik als gleichberechtigter kultureller Kanal anerkannt wird und Forderungen wie die nach der Nutzung von Realnamen dann als so absurd angesehen werden wie die Forderung, dass Schriftsteller oder Journalisten zum Gebrauch ihres echten Namens verpflichtet werden sollten.

Aus meiner Sicht steckt hinter der Möglichkeit, im Internet ein Pseudonym zu nutzen, jedoch noch mehr. Es schenkt einem die Freiheit, sich eine fiktive Identität zu schaffen, jemand anderes als in der realen Welt zu sein - quasi wie eine Karnevals-Verkleidung. Hierdurch hat man Kontrolle darüber, wie und als wer man wahrgenommen wird. In der digitalen Welt ist die Vision der vollständigen morphologischen Freiheit bereits Realität! Das ermöglicht es einem, aus sich heraus zu gehen, sich frei und ungezwungen zwischen den anderen Nutzern zu bewegen.

So merkwürdig die Vision der morphologischen Freiheit uns heute noch erscheint - sie würde die Last, an ein bestimmtes Aussehen gebunden zu sein, von den Schultern der Menschen nehmen. Heutzutage muß man sich (weitgehend) damit abfinden, ein bestimmtes Erscheinungsbild zu haben. Stünde die vollständige morphologische Freiheit zur Verfügung, wäre das nicht mehr der Fall. Jeder könnte bestimmen, wie er erscheinen möchte. Man könnte über sein Äußeres genauso frei verfügen wie über die eigenen Gedanken. Im Internet ist dies heute schon möglich.

Möglicherweise wird die vollständige morphologische Freiheit auch nicht unabhängig von der digitalen Freiheit, sondern als technologische Weiterentwicklung von dieser realisiert werden: Eventuell werden die Menschen in der Zukunft überhaupt keine biologisch-physikalischen Körper mehr haben, sondern ihre gesamte Identität in Hypercomputer "uploaden" und dort als digitale Konstrukte existieren. Die Untersuchung der physikalischen Realität könnte dann durch entsprechende Sensoren und Effektoren - letztlich hochentwicklte Roboterkörper - erfolgen. Das Internet würde das Leben nicht mehr ergänzen, sondern das Leben würde mit ihm verschmelzen.



Wird unsere "Wetware" irgendwann durch reine Datenstrukturen ersetzt werden?

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